Ein Backyard Ultra klingt erst einmal schlicht: Lauf um Lauf, Stunde um Stunde – bis nur noch einer übrig ist. Kein Zielkilometer, keine vorher festgelegte Distanz, keine Anzeige mit Meilen. Einfach eine Runde nach der anderen, solange der Körper mitmacht. Dieses Lauf-Format erobert seit einigen Jahren auch in Deutschland die Ultra-Szene – und ist einfacher zu verstehen, als es klingt.
Was ist ein Backyard Ultra?
Der Backyard Ultra (auch „Last One Standing“) ist eine Form des Ultramarathons mit einem sehr strengen Format:
- Die Strecke ist eine Runde von exakt 6,706 Kilometern (4,167 Meilen).
- Eine Runde beginnt jede volle Stunde – pünktlich bei der Startglocke.
- Innerhalb dieser Stunde muss die Runde fertig gelaufen sein, sonst ist man raus.
- Es gibt keine festgelegte Rundenzahl: Gewonnen hat, wer als letzter Läufer noch eine volle Runde geschafft hat.
Wer eine Runde nicht rechtzeitig beendet oder nicht wieder antritt, ist „DNF“. Es gibt nur einen offiziellen Finisher: den Sieger. Dieser Lauf ohne Ziel verlangt etwas ganz anderes als ein klassischer Marathon: Hier entscheidest du selbst, wie lange das Rennen dauert.
Warum genau 6,706 Kilometer?
Die Zahl ist kein Zufall. Die Rundenlänge ist so gewählt, dass in 24 Stunden genau 100 Meilen zusammenkommen: 24 × 4,167 Meilen ergeben exakt 100 Meilen (rund 160,9 Kilometer). 6,706 km sind also ¹⁄₂₄ einer 100-Meilen-Strecke.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Wer 24 Runden schafft, hat die symbolische 100-Meilen-Marke in einem Tag erreicht – ohne dass der Veranstalter das als Ziel ausrufen müsste. Bei vielen Backyards gilt diese „Century-Marke“ als erste große Hürde, danach beginnt der eigentliche mentale Kampf.
Die Regeln im Detail
Die Regeln stammen aus dem Mutterformat, der Big’s Backyard Ultra von Gary Cantrell in Tennessee, und werden bei fast allen Events identisch umgesetzt:
| Regel | Bedeutung |
|---|---|
| Rundenlänge | exakt 6,706 km (4,167 Meilen), Rundkurs oder Out-and-back |
| Start | jede volle Stunde mit Glocke; Warnsignale 3, 2 und 1 Minute vorher |
| Zeitlimit | Runde muss innerhalb der Stunde vollendet sein, inklusive letzter Runde |
| Verlassen der Strecke | nicht erlaubt – Ausnahme: Toilettengang |
| Hilfe | keine fremde Begleitung/pacing während einer Runde; gemeinsame Verpflegungsstationen sind erlaubt |
| Hilfsmittel | keine Stöcke, keine künstlichen Hilfsmittel |
| Anweisen | langsamere Läufer müssen schnelle passieren lassen |
| Sieger | die letzte Person, die eine volle Runde beendet |
| DNF | alle anderen; der Runden-letzte („Assist“) ist der Zweitplatzierte |
Kann niemand eine weitere Runde vollenden (etwa weil die letzten zwei Läufer beide scheitern), gibt es keinen Sieger – alle werden als DNF gewertet. Genau diese Unberechenbarkeit macht das Format so besonders.
Wie sich ein Backyard Ultra anfühlt
Die ersten Stunden sind trügerisch leicht. Wer drei Runden läuft, hat gerade mal einen Halbmarathon absolviert – mit großzügigen Verschnaufpausen. Viele unterschätzen das Rennen deshalb in den Stunden 4 bis 8: Das Tempo ist locker, aber die Summe der Kilometer steigt unaufhörlich.
Ein typischer Ablauf:
- Stunden 1–12: normale Ultra-Atmosphäre, Gespräche, konstantes Tempo.
- Stunde 24: Marke von 100 Meilen – hier scheidet ein großer Teil des Feldes aus.
- Stunden 24–36: der mentale Kampf beginnt; Schlafmangel und die Monotonie der Runden werden zum eigentlichen Gegner.
- Stunden 36+: die Königsklasse – hier entscheiden Minuten, nicht Stunden.
Der wohl wichtigste Unterschied zu anderen Ultras: Die Pausen zwischen den Runden sind Teil der Strategie. Übrig gebliebene Zeit ist Zeit zum Essen, Trinken, Umziehen oder – auf Risiko – für einen kurzen Schlaf. Wer zu lange liegen bleibt, verpasst den Start. Viele erfahrene Backyard-Läufer raten deshalb: Ruhig Setzen, aber nicht zu lange weg sein.
Woher kommt der Backyard Ultra?
Erfunden hat das Format Gary Cantrell, in der Ultra-Szene besser bekannt als Lazarus Lake. Derselbe Mann, der die berüchtigte Barkley Marathons ausrichtet, wollte ein Rennen, das niemand plant: keine Distanz, kein Weg, kein „Ziel“. Das Mutter-Event, die Big’s Backyard Ultra, findet auf seinem Grundstück in Bell Buckle im US-Bundesstaat Tennessee statt.
Von dort verbreitete sich das Format weltweit – inzwischen gibt es sie auch als Weltmeisterschaft, sowohl im Einzel- als auch im Team-Format (dort läuft ein vierköpfiges Team abwechselnd die Runden). Die Rekordliste wächst stetig: 2023 schaffte Harvey Lewis bei der Big’s Backyard Ultra 108 Runden. Stand 2026 liegt der Männer-Weltrekord bei 123 Runden, aufgestellt von Dmitry Klimov in Russland im Juni 2026; bei den Frauen hält Vera Chekalina mit 96 Runden (Stand Juni 2026). Die Zahlen sind ein gutes Gefühl für die Dimension, sollten aber nicht abschrecken – die allermeisten Backyard-Events enden deutlich früher.
So planst du deinen ersten Backyard
Ein Backyard ist für Einsteiger machbar, wenn die Grundlagen stimmen. Als Faustregel: Erst einmal einen Marathon oder einen 50-km-Ultra in den Beinen haben, bevor man sich die Monotonie der Stundenrunden zumutet.
Die fünf wichtigsten Stellschrauben:
- Tempo einhalten: Konstantes, fast gleichförmiges Tempo ist wertvoller als schnelle frühe Runden. Der Puls soll niedrig bleiben – Ziel ist Ankommen, nicht Rundenrekord.
- Transitions optimieren: Wer die Zeit zwischen den Runden nutzt (Essen, Trinken, Schuhe, Toilette), gewinnt Minuten, ohne schneller laufen zu müssen.
- Alle 60 Minuten essen: Kalorien pro Stunde, nicht „nach Hunger“. Echte Nahrung, die der Magen über Stunden verträgt, schlägt Gel-Monotonie.
- Schlaf bewusst managen: Ab Stunde 24 wird Schlafmangel zum Faktor. Kurze Pausen einplanen, aber mit Zeitschutz – die Glocke wartet nicht.
- Ausrüstung zum Wechseln: Wechselschuhe und frische Socken in einem Drop-Bag ersparen dir Blasen und Reibung.
Wer das Rennen ernst nimmt, trainiert in der Vorbereitung gezielt Back-to-Back-Langeinheiten und einmal eine längere „Backyard-Simulation“ (z. B. 6–12 Stunden Rundenformat im Training). Mehr zur Ultra-Basis findest du im Einstieg in den Ultramarathon.
Backyard-Ultras in Deutschland
Die Szene hierzulande wächst – regelmäßig kommen neue Events in den Ultra-Kalender. Aktuell gelistete Termine:
| Datum | Event | Ort |
|---|---|---|
| 15.08.2026 | 2. Backyard Ultra-Marathon Tharandter Wald | Dresden |
| 04.09.2026 | 6. Fränkischer Backyard Ultra | Nürnberg |
| 05.09.2026 | Munich Backyard 2026 – 4. Edition | München |
| 26.09.2026 | KRHU – Kreuzhorst Ultra (Backyard) | Magdeburg |
| 26.09.2026 | 5. Tuttlinger Backyard Ultra | Bräunlingen |
| 24.10.2026 | 1. Bergstraße Backyard Ultra | Heidelberg |
| 07.11.2026 | 6. Weserbergland Backyard Ultra | Detmold |
Fazit
Der Backyard Ultra ist die ehrlichste Form des Ultramarathons: kein vorgegebenes Ziel, keine Ausrede. Zehn, zwanzig, vierzig Runden – der Lauf endet, wenn der letzte Läufer aufgibt. Wer das Format einmal verstanden hat, merkt schnell: Es ist weniger ein Rennen über Distanz als ein Test aus Rhythmus, Regeneration und Willenskraft. Der Einstieg über einen der deutschen Backyard-Termine ist dafür der perfekte erste Schritt.
Quellen
- Backyard ultra – Wikipedia
- What Is The Backyard Ultra World Record? – The Running Channel – The Running Channel